Über die Probleme der Automatisierung demokratischer Wahlen

Nach endlich über zwei Jahren habe ich mich dazu durchgerungen, ein Papier zum Thema Wahlcomputer fertigzustellen, dass ich hiermit veröffentliche. Es fasst viele bekannte Erkenntnisse zu dem Thema zusammen und enthält einige neue Überlegungen, darunter:

  • Klarere Herausarbeitung des Dilemmas der elektronischen Wahl
  • Diskussion der Selbstkontrollkette bei Urnen- und Computerwahlen
  • Ein neues Wahlverfahren mit Ende zu Ende Sicherheit, das Intermingled Key Voting
  • Kritik an Bingo Voting
  • Wahlgeheimnis angesichts von DNA- und Fingerabdruckdatenbanken
  • Allgemeine Kritik an kryptografischen Wahlverfahren
  • Vergleich von vier Computerwahlverfahren mit Urnenwahlen

Die Kernaussage des Papiers ist, dass sichere Wahlcomputer nur theoretisch möglich sind, aber in der Praxis nicht mit Urnenwahlen konkurieren können.

Hier die Zusammenfassung aus dem Papier:

Zusammenfassung
Weltweit ist derzeit kein Wahlcomputer im Einsatz, der die Anforderungen an demokratische Wahlen so gut erfüllt wie Urnenwahlen mit Stift, Papier und Handauszählung. Derzeitige Wahlcomputer und sogar automatische Zählhilfen brechen zudem die bei Urnenwahlen präsente Selbstkontrollkette, die es dem Wähler ermöglicht, sich persönlich vom Eingehen seiner Stimme in das Wahlergebnis zu überzeugen.

Demokratieverträgliche Wahlcomputer sind zwar denkbar, aber leider nicht praktikabel, denn die Sicherheit muss durch Mehrkosten oder erhöhten Aufwand für den Wähler so teuer erkauft werden, dass in der Praxis bei der Automatisierung auf Sicherheit und Kontrollmöglichkeiten verzichtet wird.

Die Ursache liegt im Dilemma der elektronischen Wahl: Man kann mit einem elektronischen Gerät allein keine Wahl durchführen kann, die maximal gleich, geheim und frei ist. Weil elektronische Datenverarbeitung unsichtbar ist und daher nicht unmittelbar kontrolliert werden kann, braucht es zusätzliche Massnahmen in Form sichtbarer Protokollierung, die jedoch das Wahlgeheimnis aufweicht und daher eigenständiger Schutzmechanismen bedarf. Auch weitere Methoden, etwa durch Expertengutachten, Offenlegung der Quellcodes, Kryptographie und Redundanz das Problem der Unsichtbarkeit zu kompensieren, erweisen sich bei näherer Betrachtung oft als ungeeignet oder sogar als problemverschärfend.

Auch Urnenwahlen mit Stift, Zettel und öffentlicher Handauszählung sind nicht hundertprozentig sicher, legen aber den Massstab sehr hoch. Was die Automatisierung so schwer macht, ist die Tatsache, dass Sicherheitsanforderungen an Wahlcomputer ungleich höher sein müssen als die bei Urnenwahlen, so wie die Sicherheitsanforderungen an eine computergesteuerte Magnetschwebebahn ganz andere sind, als die an ein Paar Schuhe. Eine Manipulation an einer Urne betrifft nur die Urne und kann durch Beobachter vor Ort verhindert werden. Eine Manipulation an der Software und Hardware von Wahlcomputern hingegen kann leicht Millionen von Wähler betreffen und so ausgeführt sein, dass sie nicht entdeckt werden kann. 

Um den notwendigen Aufwand zu skizzieren, der für einen demokratieverträglichen Wahlcomputer notwendig ist, werden zwei unterschiedliche computerisierte Wahlverfahren skizziert, die die Grundanforderungen an demokratische Wahlen auch bei der notwendig strengen Auslegung erfüllen: Eine hinreichend sichere Stimmzetteldruckmaschine mit gesicherter Auszählung, und ein sehr einfaches zahlenbasiertes Verfahren, das Intermingled Key Voting, das auch die Auszählung absichert und im Verhältnis von Einfachheit und Sicherheit vermutlich nahezu optimal ist.

Beide Verfahren jedoch können in der Praxis nicht gegen die Urnenwahl mit Papier und Stift bestehen, weil sie vielfach teuerer oder umständlicher zu bedienen wären als heute existierende Geräte. Dabei sind bereits die jetzigen billigen und unsicheren Wahlcomputer zu umständlich zu bedienen und prinzipiell unwirtschaftlich, da sie zu selten zum Einsatz kommen, um sich innerhalb ihrer Lebensdauer zu amortisieren.

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