Bundeswehreinsatz bei der WM

Bundeswehr So etwas kann auch nur Leuten einfallen, die nie bei der Bundeswehr waren, die Truppe bei der WM einzusetzen. Schäuble hat jedenfalls nicht gedient, und Schily hätte allenfalls in der Wehrmacht kämpfen können. Man könnte zur WM genausogut Sturmgewehre und Uniformen an Arbeitslose verteilen, die dann nach zehn Tagen Ausbildung Miliz spielen dürfen. Wem das absurd vorkommt: Bundeswehrsoldaten sind auch nur ein Querschnitt durch die deutsche männliche Bevölkerung, außer das sie jünger, impulsiver und nicht so gut ausgebildet sind wie der durchschnittliche Langzeitarbeitslose. 

Die Bundeswehr bildet ihre Soldaten natürlich auch aus: die Wehrpflichtigen werden etwa beim Heer gar wochenlang darin geübt, sich getarnt im Gelände zu bewegen, Schützenlöcher auszuheben und alle Arten von Kriegswaffen abzufeuern, wenn man es Ihnen befiehlt. Hinzu kommt das Marschieren in Reih und Glied, Schuheputzen und 1a Betten machen. Und Knöpfe annähen nicht zu vergessen. Ach ja, als ehemaliger deutscher Elitesoldat habe noch drei Wochen lang gelernt, aus der offenen Tür eines Flugzeugs zu springen und bei der Landung die Füße möglichst so hinzuhalten, daß sie dabei nicht brechen. Hilft bestimmt ganz toll gegen Terroristen. Autofahren konnte ich schon vorher, aber zivile Führerscheine gelten nicht beim Bund, da muß man also nochmal einen Schein machen. Das trägt aber nur bedingt zur Verkehrssicherheit bei. In unserer Einheit gab es daher für je 1000 km (!) unfallfreies Fahren einen Tag Sonderurlaub. Erstaunlicherweise haben das viele Fahrer nicht hinbekommen; im Prinzip gab es keine größere Übung unseres Battalions ohne Blechschaden. Es gibt aber tatsächlich auch Ausbildung für Polizeiaufgaben: immerhin muß jeder Soldat lernen, seine Kaserne zu bewachen. Die Einweisung dafür dauerte auch einige Tage, denn es ist schon wichtig, wann und auf wen man beim Wachegehen in Friedenszeiten schießen darf und soll. Kurz gesagt: Wenn jemand auf Bundeswehrgelände angetroffen wird, darf man erst dann gezielt auf ihn schiessen, wenn er nach Anruf und ggf. Warnschuss in die Luft nicht stehen bleibt. Ist der Eindringling dagegen bewaffnet, dann darf man ohne Warnung das Feuer eröffnen. Theoretisch jedenfalls. In der Praxis werden Soldaten in deutschen Kasernen von bewaffneten Eindringlingen meist überwältigt, denn diese sind schneller, skrupelloser und auf Gewalt vorbereitet. Als wachhabender Soldat trifft man beim Wachdienst, wenn man überhaupt mal jemanden trifft praktisch immer nur auf Kameraden. Bundeswehrsoldaten haben generell im Frieden eher das Problem, im Notfall gar nicht oder zu spät das Feuer zu eröffnen, denn der Umgang mit scharfer Munition beim Bund ist sehr restriktiv. Es gibt nur drei Anlässe, bei denen scharfe Munition ausgeben wird: Beim Wachdienst bekommt jeder ein volles Magazin mit zwanzig Schuss für sein G3, und ein zweites Reservemagazin. Die bekommt man aber jeweils nur für die zwei Stunden, in denen man auch aktiv ist, danach wird alles wieder eingesammelt. Der zweite Anlass sind Schiessübungen auf der Standortschiessanlage: Da muss man sich dann anstellen und bekommt je Durchgang fünf Schuss ausgehändigt, mit einem Ritual: Der Munitionsausgeber sagt: "Fünf Schuss Munition übergeben", und der Empfänger sagt: "Fünf Schuss empfangen". Wer jetzt glaubt, man könne diese Munition einfach in die Waffe stecken. irrt: Das geht auch wieder erst auf Befehl, wenn man in Position ist. Wegen der Sicherheit. Die wird nämlich dort tatsächlich gross geschrieben. Ganz selten, meist nur ein oder zweimal während der gesamten Dienstzeit kommt es vor, das bei einer Gefechtsübung auf speziellen Übungsplätze scharf geschossen wird; dann bekommt man Munition für einen ganzen Durchgang, ohne daß einem bei jedem einzelnen Schuss auf die Finger gesehen wird. Bundeswehrsoldaten laufen im Dienst in Deutschland fast immer entweder unbewaffnet herum, oder haben zwar Waffen, aber keine Munition. Im besten Fall gibt es Platzpatronen. Die leichteste Art, sich in Deutschland ein Gewehr zu stehlen, ist es einem herumlaufenden Grundwehrdienstleistenden abzunehmen. Wenn man selbst bewaffnet ist, kann man auch gleich einer ganzen Gruppe auflauern und ihr alle acht Gewehre abnehmen. Allenfalls nehmen Offiziere und selten Unteroffiziere gelegentlich eine geladene Pistole mit, um die Einheit vor so etwas zu schützen. Mir jedenfalls war oft mulmig, wenn ich mit Waffen, aber ohne eine einzige Patrone unterwegs war. Wofür die Bundeswehr überhaupt nicht taugt ist die Bewältigung überraschender Situationen, die Sachverstand und Fingerspitzengefühl erfordern, etwa wenn ein Fahrzeug im Gelände stecken bleibt. Die Wahrscheinlichkeit, schnell wieder flott zu werden sinkt proportional mit der Anzahl von anwesenden Offizieren; ich habe es miterlebt, wie bei dem Versuch, einen festgefahren VW Iltis flottzumachen dessen Dach, drei Unimogs und zwei Bäume dran glauben mussten. Dass die Bundeswehr selten flexibel und effizient agiert, wissen auch die Soldaten und Befehlshabende selbst, daher geht man bei wichtigen Anlässen auf Nummer sicher und versucht es mit Overkill. Wo ein erfahrener Mitarbeiter mit Entscheidungsbefugnis reichen würde, nimmt man halt zehn Soldaten, die dann so lange nichts tun und verhindern, daß jemand was tut, was vielleicht falsch sein könnte, bis ein erfahrener Mitarbeiter mit Entscheidungsbefugnis eintrifft. Denn Soldat sein heisst vor allem Warten, und "die meiste Zeit des Lebens – wartet der Soldat vergebens." Ach ja, das beste von allem: Da die Bundeswehr den einfachen Soldaten eh nicht traut, gibt es für Soldaten auch keine regulären Sicherheitüberprüfungen. Daher wird man bei der Bundeswehr auch alles an Leuten finden, die man auf der Strasse trifft. Abiturienten, Schläger, Bankkaufleute, Hooligans, Drogenhändler, Spiesser, Rechtsradikale, Russlanddeutsche, Fußballfans und türkische Rapper. Mit Sicherheit sind auch Islamisten dabei. Ein Bundeswehrsoldat mit geladenen Kriegswaffen in der Nähe eines vollbesetzten Stadions oder einer Menschenmenge wäre vermutlich die grösste Gefahrenquelle weit und breit. Und selbst wenn er gutwillig und besonnen ist: Falls etwas passiert, hat der Bundeswehrsoldat die Wahl zwischen drei grossartigen Möglichkeiten: abhauen, zusehen oder das Feuer eröffnen. Ich sehe schon die Schlagzeilen. Und unbewaffnete Soldaten sind allenfalls teure Parkplatzeinweiser. Die einzigen, die ernsthaft helfen könnten, wären die Feldjäger, die Polizisten bei der Bundeswehr. Die haben auch Blaulicht und nichttödliche Waffen. Bei dem letzen Einsatz, das fünfzigjährige Bundeswehrjubiläum haben die Feldjäger die Einsatzleitung gemacht, und Bundespolizei und Berliner Polizei haben geholfen. Ich habe in fünf Jahren beinahe täglicher Regierungsvierteldurchquerung noch nie eine derart übertriebene großräumige Absperrung der Innenstadt gesehen, nicht mal bei Putin, Bush oder Sharon. Auch wussten nicht einmal die eingesetzen Beamten vom Ausmass der Sperrung, so dass etliche Radfahrer und Fussgänger hilflos und wütend umherirrten, weil sie von plan- und ahnungslosen Beamten geradewegs in die nächste Absperrung geschickt wurden. Und zu Ausschreitungen kam es am Ende trotz exzessiver Absperrung doch noch. Es war außerdem auch schön zu beobachten, wie unterschiedlich die verschieden Beamten darauf reagiert haben, wenn man sie angesprochen hat: Ein Beamter der Berliner Polizei gab mir freundlich und bereitwillig Auskunft, einer von der Bundespolizei sagte irgend was von "Das geht Sie nichts an.", und der Feldjäger kriegte überhaupt kein Wort raus, auf die Frage, wer den jetzt diesen Einsatz hier leiten und zu verantworten hätte. Wenn das ein Vorgeschmack auf eine WM mit Bundeswehrbeteiligung sein soll, dann mache ich im Sommer lieber Urlaub im Ausland.

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